Wie genau, wussten wir auch nicht, aber irgendwie hat es auf Anhieb geklappt. Wir hatten beide die Gelegenheit gemeinsam am Tokyo Marathon 2015 teilzunehmen. Am 22.2. standen wir also pünktlich um 8:30 Uhr in unserem Startblock und warteten auf den Startschuss… Der Weg zu diesem Moment war jedoch mal wieder voller Stolperfallen und Überraschungen.

Nicht nur der Weg nach Tokio war spannend, auch die ersten Tage in Tokio hatten es in sich. Zum Valentinstag beschenkte sich Hannah zunächst selbst, mit einem dicken Fuß und am Abend mich mit dem Gejammer, dass der dicke Fuß es wohl unmöglich macht, den Marathon zu laufen und wir nochmal nach Tokio müssen, um den Marathon zu laufen. Wir konnten den Super-GAU jedoch mit viel Eis, einer Bandage und viel Tape erfolgreich abwenden.

Am Freitag auf der Marathonmesse konnten wir uns also mit einem schmerzfreien Hannah-Fuß so richtig einstimmen. Alleine der Kulturunterschied hatte es in sich. Nicht nur, dass es einen speziellen Marathon-Fotobereich gab, wo alle Teilnehmer mit verschiedensten Fotos und Logos posieren konnten (Wie man sieht, haben wir nichts ausgelassen).

 

Die Messe als solche war nicht von schlechten Eltern. In Japan sind lebende Werbetafeln und “Marktschreier” eher die Normalität als die Ausnahme. So war es sehr laut, schrill und bunt. Allerdings konnten wir auch einige sehr gute Schnäppchen machen. Wie man schnell auch auf Twitter erkennen konnte:

Abends trafen wir noch Maty die vielen sicher aus ihrem Blog bekannt ist. Auch Sie hatte das Glück einen Startplatz ergattert zu haben. Wie Sie den Marathon erlebt hat könnt ihr hier nachlesen. Am nächsten Tag stand noch ein entspanntes Eingrooven beim 5km “International Friendship Run” auf dem Plan. Besonderheit dabei war, dass man bereits einmal durch das Marathonziel laufen konnte und so schon mal wusste, ab welcher Linie am nächsten Tag die Glücksgefühle einsetzen werden. Der Lauf war jedoch auch der erste Belastungstest für DEN Fuß. Und was soll ich sagen, er hat gehalten.

Am Abend gab es noch Carboloading beim Italiener mit Gerichten, die wir kannten. Bloß keine Experimente und kein Risiko für den Magen eingehen. Dies war jedoch unbegründet, denn in 14 Tagen und einigen Essen, wo ich nicht genau wusste was ich bekomme, habe ich nicht einen Moment Magenprobleme gehabt.

Am Sonntag Morgen klingelte der Wecker wie üblich 3h vor dem Wettkampf. Die Kleidungswahl hatten wir bereits am Vorabend abgeschlossen und so ging alles schnell von der Hand. Danach noch ein paar Yen und den vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Tagespass für die U-Bahn in die Tasche gesteckt und los ging es. Am U-Bahnhof gab es die erste Überraschung: Der U-Bahn-Pass funktionierte nicht. Nach kurzer Erklärung durch den netten Angestellten war klar, der U-Bahn-Pass gilt nur für die Tokioer U-Bahn, nicht aber für alle privaten Linien. Leider genau die, die uns zum Start bringen würden und später aus dem Ziel wieder ins Hotel. Also Ticket gekauft und hinein in die U-Bahn. Diese füllte sich erwartungsgemäß von Haltestelle zu Haltestelle mit Läufern aus aller möglicher Länder. Beim Zugang zum Veranstaltungsgelände hatte sich der Veranstalter auch noch ein Highlight einfallen lassen. Zunächst musste man je nach Startblock ein spezielles Zugangs-Gate zum Start nutzen. Nachdem ich das Gate passiert hatte (mein Gepäck kontrolliert und ich durch einen Metalldetektor gegangen war) traf ich Hannah, die ein anderes Gate nutzen musste, im Startbereich bei der Kleiderabgabe wieder. Es war also vollkommen sinnlos uns durch spezielle Gates zu schicken, da sich alle am Ende wieder im selben Bereich aufhielten, bevor wir uns zum Startblock auf machten.

Und so standen wir pünktlich um 8:30 Uhr in unserem Startblock und froren die 40min bis zum Start so vor uns hin. Wer auch immer sich ausgedacht hat, dass die Läufer bereits 40min vor dem Start im Startblock sein müssen, gehört sofort aus dem Orga-Team entfernt. Nach dem üblichen Eröffnungsgrüßen durch den Bürgermeister und den Präfekten ging es um 9:05 Uhr für die Rollis los und um 9:10 Uhr für uns alle. Der Start erfolgte hintereinander weg, es gab keine Startwellen oder Unterbrechungen zwischen den Blöcken. 10min nach dem offiziellen Start waren auch wir auf der Strecke. Die ersten Kilometer ging es kontinuierlich bergab. Bei KM 7 dann die erste Überraschung. Da stand der Bürgermeister von Tokio an der Strecke und hat die Läufer abgeklatscht. Eine etwas skurrile Situation, wenn man weiß, dass sowohl in meiner Wahlheimat Berlin, als auch in meiner Geburtsstadt Dresden normalerweise nur der Stellvertreter, von der Stellvertreterin, von der Unterstaatssekräterin das Grußwort spricht und die Startpistole bedient. Erfreulich zu wissen, dass es auch anders geht.

Die Strecke führte uns an vielen großen und kleinen Wahrzeichen der Stadt vorbei. Nachdem wir direkt vor dem Tokyo Metropolitan Government Building auf die Strecke geschickt wurden, ging es zunächst durch die Einkaufsstraßen von Shinjuku nach Iidabashi. Weiter Richtung Kaiserpalast, der rechts liegen gelassen wurde. Der Kaiserpalast findet unter Läufern und Rennradfahrern eine außerordentliche Beliebtheit. Eine Runde um den Kaiserpalast hat eine Länge von 5km die man komplett ohne Straßenüberquerung und Ampeln absolvieren kann. Eine absolute Seltenheit in Tokio. Nach 10 Kilometern bogen wir Richtung Shinagawa ab. Da sich hier die Läufer ca. 6km lang begegnen, hatten wir die Gelegenheit die Spitze zu beobachten, die gerade KM 20 passierten. Was mir sofort auffiel: Es gab wenige afrikanische Pacemaker. Es waren nur die 5-10 geladenen Läufer zu sehen. Sonst ist das immer ein relativ großer Pulk von schnellen Läufern aus Afrika. Bei den Frauen gab es dann ein ähnliches Bild. Eine Hand voll geladener Gäste aus Afrika, das war alles. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum der Marathon bei den Männern 4 min langsamer war als beispielsweise in Berlin. Vorbei am Tokyo Tower ging es zur ersten Wende bei KM 15,5 in Shinagawa.

Zum Halbmarathon kam die Ansage von Hannah, der Fuß hält und Sub4 ist die Maßgabe. Also weiter. Weiter ging es auch mit dem Sightseeing auf den Straßen von Tokio. Nachdem wir vom Tokyo Tower zurück waren, ging es diesmal in die nordöstliche Richtung. Das Ziel war das Asakusa Kaminarimon Gate. Dort gab es die zweite Wende. Erneut liefen die beiden schier endlosen Läuferschlangen aneinander vorbei. Bei KM 35 bog die Läuferschar dann Richtung Hafen ab und verließ die Stadtmitte damit endgültig. Vor dem Marathon hatten wir ein wenig Bedenken, dass es im Hafengebiet wohl eher einsamer an der Strecke werden würde. Eine Sorge, die völlig unbegründet waren. Die ganze Stadt schien an der Strecke zu stehen und die Läufer anzufeuern und zu applaudieren. Die laufverrückten Japaner waren auch als Supporter erste Klasse!!

Bekanntlich ist ja jeder Marathon spätestens ab KM 35 zäh. Dieser hier wurde dabei auch nochmal richtig hart. Es mussten 2 Flussbrücken hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter gerannt werden, die den Beinen ganz schön zusetzten. Das Ziel war im Tokyo Big Sight, also dem Messe und Kongress-Zentrum im Hafen. Was uns allerdings hier erwartete war überwältigend. So viel Herzlichkeit und Anerkennung wie uns die Helfer hier entgegenbrachten kannte ich von keinem Lauf zuvor. Der Durchschnitts-Japaner ist ja doch eher zurückhaltend, hier war jedoch das komplette Gegenteil der Fall. Alle wollten einen umarmen und abklatschen und das obwohl einem der Schweiß aus allen Poren lief. Es gab im Ziel für alle ein Finisher-Handtuch und die obligatorische Medaille. Die Zielverpflegung bestand aus einem Energie-Riegel, Wasser und Eisspray. Ja, richtig gelesen, Eisspray. Bereits auf der Strecke standen ab der Halbmarathondistanz alle 2-3km ganze Gruppen von Menschen, die Eisspray bereit hielten und die japanischen Läuferinnen und Läufer machten reichlich Gebrauch davon. Dazu immer wieder der Geruch von Pferdesalbe und anderen Wunder-Schmerzmitteln in der Luft. Es war schon ein wenig bedenklich, wie sich die Läuferinnen und Läufer hier mit Schmerzstillern behandelten.

Nachdem wir unseren Kleiderbeutel wieder in den Händen hielten, ging es noch in den Umkleidebereich. Was dann kam war wieder etwas abenteuerlicher. Wir mussten ca. 4km zu Fuß zurücklegen bevor wir in der U-Bahn (ebenfalls nicht nutzbar mit der kostenlosen Tageskarte) saßen. Zunächst wurde man noch durch alle Hallen am Big Sight geführt und dann noch einmal außen herum. Als wir in die U-Bahn einstiegen konnten wir noch mal einen Blick auf jene werfen, die das Ziel zwischen 5 und 5:30 Stunden erreichen werden und ich kann euch sagen, es war immer noch kein Ende in Sicht. Für uns endete an dieser Stelle unser erster gemeinsamer Marathon im Ausland. Eine ganz besondere Erfahrung. Dass der Marathon gut organisiert ist, davon konnte man in Japan ausgehen. Dass sie mit 36.000 Läufern fertig werden auch. Was uns jedoch nachhaltig beeindruckt hat war die Herzlichkeit und die Begeisterung der Helfer. Das hatten wir in Japan anders erwartet. Für uns war es die Nummer 2 auf einer Liste von 6 Marathons die wir gerne mal laufen wollen. Neben Tokio und Berlin, die wir schon abhacken konnten, warten noch Boston, Chicago, New York und London darauf, von uns erlaufen zu werden.

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